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Das neue Altersvorsorgedepot: Ein gutes Produkt ist noch kein guter Ruhestandsplan

Warum staatliche Förderung, niedrige Kosten und attraktive ETFs allein nicht über eine erfolgreiche Altersvorsorge entscheiden.

Die Reform der privaten Altersvorsorge bringt Bewegung in den deutschen Vorsorgemarkt. Mit dem neuen Altersvorsorgedepot soll ab 2027 eine Alternative zur bisherigen Riester-Förderung entstehen, die erstmals auch renditeorientierte Kapitalanlagen ohne Beitragsgarantie steuerlich fördert. Neben den neuen Depotlösungen bleiben weiterhin Garantieprodukte möglich.

Die Diskussion darüber konzentriert sich bislang vor allem auf attraktive Förderquoten, niedrige Verwaltungskosten und die Frage, welche ETFs künftig in den geförderten Depots enthalten sein werden.

Das sind zweifellos wichtige Kriterien. Sie beantworten jedoch nicht die entscheidende Frage: Welchen Beitrag kann ein Altersvorsorgedepot tatsächlich dazu leisten, den individuell gewünschten Lebensstandard im Ruhestand langfristig zu finanzieren?

Denn Altersvorsorge ist weit mehr als die Auswahl eines einzelnen Finanzprodukts. Erst das Zusammenspiel sämtlicher Vermögenswerte, Versorgungsansprüche und zukünftiger Ausgaben entscheidet darüber, wie tragfähig die persönliche Ruhestandsplanung ist.

1. Was das neue Altersvorsorgedepot verändert

Mit der Reform soll die steuerlich geförderte private Altersvorsorge stärker für kapitalmarktorientierte Anlageformen geöffnet werden. Anders als bei den bisherigen Riester-Verträgen mit ihren Garantieanforderungen wird künftig auch ein gefördertes Altersvorsorgedepot ohne Beitragsgarantie möglich sein.

Die neue Förderung ist an die Höhe der Eigenbeiträge gekoppelt. Auf die ersten 360 Euro Eigenbeitrag pro Jahr werden 50 Prozent Grundzulage gewährt, auf weitere Beiträge bis zu insgesamt 1.800 Euro jährlich 25 Prozent. Hinzu kommen gegebenenfalls Kinderzulagen und steuerliche Vorteile.

Ein standardisiertes Altersvorsorgedepot soll die Produktauswahl erleichtern. Für dieses Standardprodukt wird die durchschnittliche jährliche Renditeminderung durch Kosten auf maximal ein Prozent begrenzt.

Die Neuregelungen eröffnen zusätzliche Möglichkeiten, Vermögen für den Ruhestand aufzubauen. Sie werfen zugleich die Frage auf, wie diese Möglichkeiten in bereits bestehende Vorsorgestrukturen integriert werden sollten.

2. Warum niedrige Kosten und hohe Förderquoten allein nicht ausreichen

Beim Vergleich verschiedener Altersvorsorgedepots stehen verständlicherweise die Produktkosten und die staatliche Förderung im Mittelpunkt. Beides hat unmittelbaren Einfluss auf das verfügbare Anlagekapital und das langfristige Anlageergebnis.

Auch die Auswahl geeigneter ETFs, deren Risikostruktur und die zu erwartende Rendite sind wesentliche Kriterien einer fundierten Anlageentscheidung.

Problematisch wird es allerdings, wenn diese Kriterien zum alleinigen Maßstab für die Qualität der Altersvorsorge werden.

Ein Depot mit geringen Kosten und hoher staatlicher Förderung muss nicht zwangsläufig die individuell passende Vorsorgelösung sein. Beispielsweise kann ein langfristig gebundenes Altersvorsorgevermögen trotz attraktiver Förderung ungeeignet sein, wenn das Kapital bereits vor dem Rentenbeginn für andere Zwecke benötigt wird.

Auch die steuerliche Betrachtung darf nicht bei der Ansparphase enden. Während Kapitalerträge innerhalb der neuen geförderten Altersvorsorgeverträge in der Ansparphase steuerfrei bleiben, unterliegen die auf geförderten Beiträgen beruhenden späteren Auszahlungen grundsätzlich der nachgelagerten Besteuerung.

Entscheidend ist deshalb nicht allein, wie hoch die Förderung beim Vertragsabschluss oder während der Ansparphase ausfällt. Vielmehr muss betrachtet werden, welche finanziellen Auswirkungen das Produkt über seinen gesamten Lebenszyklus hat.

Ein solcher Vergleich sollte die tatsächlichen Kosten, die steuerlichen Auswirkungen, die Verfügbarkeit des Kapitals und die späteren Auszahlungsbedingungen gleichermaßen berücksichtigen.

3. Die entscheidende Frage: Wie viel Einkommen wird im Ruhestand tatsächlich benötigt?

Wer sich mit seiner Altersvorsorge beschäftigt, beginnt häufig mit der Frage, welches Produkt die attraktivste Rendite verspricht oder die höchste staatliche Förderung ermöglicht.

Eine strukturierte Finanzplanung setzt an einer anderen Stelle an.

Zunächst sollte geklärt werden, welchen Lebensstandard der Einzelne im Ruhestand anstrebt und welche finanziellen Mittel dafür langfristig benötigt werden.

Dabei geht es nicht allein um die rechnerische Differenz zwischen dem heutigen Einkommen und der erwarteten gesetzlichen Rente.

Eine realistische Planung berücksichtigt ebenso zukünftige Lebenshaltungskosten, Inflation, Gesundheits- und Pflegekosten, persönliche Wünsche sowie mögliche größere Ausgaben. Auch der Zeitpunkt des geplanten Rentenbeginns und die Dauer des Ruhestands spielen eine wesentliche Rolle.

Gleichzeitig müssen sämtliche bereits vorhandenen Versorgungsansprüche und Vermögenswerte erfasst werden. Dazu zählen insbesondere:

  • Gesetzliche Renten und berufsständische Versorgungswerke, betriebliche Altersversorgung und bestehende private Rentenversicherungen.
  • Wertpapierdepots, Bankguthaben und sonstige Kapitalanlagen.
  • Selbst genutzte und vermietete Immobilien einschließlich möglicher Mieteinnahmen und bestehender Finanzierungen.
  • Weitere Vermögenswerte, alternative Investments und gegebenenfalls erwartete Vermögensübertragungen.

Erst aus dieser Gesamtbetrachtung lässt sich ableiten, ob überhaupt eine zusätzliche Versorgungslücke besteht, wie hoch sie voraussichtlich ausfällt und mit welchen finanziellen Mitteln sie geschlossen werden kann.

Das neue Altersvorsorgedepot ist in diesem Zusammenhang eine mögliche Ergänzung – nicht der Ausgangspunkt der Planung.

4. Gleiche Förderung, unterschiedliche Ausgangssituation

Wie unterschiedlich die Bedeutung eines Altersvorsorgedepots sein kann, zeigt ein einfaches Beispiel.

Zwei Personen im gleichen Alter erzielen vergleichbare Einkommen und haben aufgrund ihrer persönlichen Voraussetzungen Anspruch auf eine identische staatliche Förderung.

Die erste Person verfügt bereits über umfangreiche betriebliche Rentenansprüche, eine selbst genutzte Immobilie und ein größeres Wertpapierdepot. Die zweite Person besitzt dagegen kaum ergänzende Altersvorsorge und muss einen wesentlichen Teil ihres zukünftigen Ruhestandseinkommens erst noch aufbauen.

Obwohl beide Personen von der gleichen Förderung profitieren könnten, unterscheiden sich ihre finanziellen Ausgangssituationen grundlegend.

Während für die erste Person beispielsweise die Strukturierung des vorhandenen Vermögens, steuerliche Aspekte oder die spätere Vermögensentnahme im Vordergrund stehen könnten, benötigt die zweite Person möglicherweise zunächst einen systematischen und langfristigen Vermögensaufbau.

Auch die Risikotragfähigkeit, der Bedarf an frei verfügbarem Kapital und die Bedeutung zusätzlicher lebenslanger Einkünfte können erheblich voneinander abweichen.

Eine identische Förderquote führt deshalb keineswegs zwangsläufig zu einer identischen Vorsorgestrategie.

5. Altersvorsorge endet nicht mit dem Rentenbeginn

Ein häufig unterschätzter Aspekt der Altersvorsorge ist die spätere Verwendung des angesparten Vermögens.

Während sich viele Produktvergleiche intensiv mit Renditen, Sparraten und dem erwarteten Endkapital beschäftigen, bleibt die eigentliche Auszahlungsphase oftmals weitgehend unberücksichtigt.

Gerade hier entstehen jedoch wichtige finanzielle Entscheidungen.

Die Reform sieht künftig neben der lebenslangen Leibrente auch befristete Auszahlungspläne vor, die mindestens bis zum vollendeten 85. Lebensjahr reichen müssen. Bei einem solchen Auszahlungsplan endet die Leistung, wenn das vorgesehene Kapital vollständig verbraucht ist.

Damit stellt sich nicht nur die Frage, welches Kapital bis zum Rentenbeginn aufgebaut werden kann, sondern ebenso, wie dieses Kapital anschließend eingesetzt werden soll.

Wie hoch müssen die laufenden Entnahmen sein? Welche Einkommensquellen stehen dauerhaft zur Verfügung? Wie werden Wertschwankungen an den Kapitalmärkten berücksichtigt? Und welche Reserven sind notwendig, falls der Ruhestand länger dauert als ursprünglich angenommen?

Auch steuerliche Auswirkungen unterschiedlicher Auszahlungsformen, der Umgang mit Immobilienvermögen und die Abstimmung verschiedener Rentenbeginntermine können erhebliche Auswirkungen auf die langfristige finanzielle Situation haben.

Eine professionelle Ruhestandsplanung führt deshalb den Vermögensaufbau und die spätere Vermögensverwendung in einer gemeinsamen Betrachtung zusammen.

6. Erst die Gesamtplanung zeigt, welchen Beitrag das Altersvorsorgedepot leisten kann

Eine ganzheitliche Finanz- und Ruhestandsplanung verbindet die vorhandenen Versorgungsbausteine mit den persönlichen Lebenszielen und der erwarteten finanziellen Entwicklung.

Dabei sollte nicht nur ein einziges Zukunftsszenario betrachtet werden. Unterschiedliche Annahmen zur Inflation, Kapitalmarktentwicklung, zum Renteneintrittsalter oder zu unerwarteten Ausgaben können die langfristigen Ergebnisse deutlich verändern.

Auf dieser Grundlage lassen sich verschiedene Vorsorgestrategien miteinander vergleichen.

Ein gefördertes Altersvorsorgedepot kann dabei ebenso untersucht werden wie ein ungefördertes Wertpapierdepot, eine betriebliche Altersversorgung oder die zusätzliche Verwendung vorhandener Vermögenswerte.

Entscheidend ist, welchen Beitrag die jeweilige Lösung im Zusammenspiel mit sämtlichen übrigen Einkommens- und Vermögensquellen leisten kann.

Eine solche Planung ermöglicht außerdem, bereits vorhandene Vorsorgestrukturen kritisch zu hinterfragen. Nicht immer besteht der größte Handlungsbedarf darin, ein weiteres Produkt abzuschließen. Mitunter kann es wichtiger sein, bestehende Vermögenswerte anders zu strukturieren, Liquiditätsreserven aufzubauen oder die spätere Auszahlung vorhandener Rentenansprüche besser aufeinander abzustimmen.

Professionelle Finanzplanung bedeutet deshalb nicht, möglichst viele Vorsorgeprodukte miteinander zu kombinieren, sondern die vorhandenen und zukünftigen finanziellen Mittel so aufeinander abzustimmen, dass sie den persönlichen Zielen dienen.

Fazit: Nicht das einzelne Produkt, sondern das Gesamtkonzept entscheidet

Das neue Altersvorsorgedepot erweitert ab 2027 die Möglichkeiten der geförderten privaten Altersvorsorge. Wie groß sein individueller Nutzen tatsächlich ist, lässt sich allerdings weder aus der staatlichen Förderquote noch aus niedrigen Kosten oder einer attraktiven ETF-Auswahl allein ableiten.

Diese Faktoren sind wichtige Bestandteile eines Produktvergleichs. Sie ersetzen jedoch keine Betrachtung der gesamten finanziellen Situation.

Wer seine Altersvorsorge langfristig und nachvollziehbar gestalten möchte, sollte deshalb zuerst klären, welche finanziellen Mittel im Ruhestand benötigt werden und welche bestehenden Versorgungsansprüche und Vermögenswerte bereits zur Verfügung stehen.

Erst danach lässt sich beurteilen, welche Rolle das neue Altersvorsorgedepot übernehmen kann, in welchem Umfang zusätzliche Vorsorge erforderlich ist und welche Alternativen berücksichtigt werden sollten.

Das Altersvorsorgedepot ist ein möglicher Baustein. Wie sinnvoll er ist, zeigt erst der vollständige Finanz- und Ruhestandsplan.

Autorenhinweis

Dipl.-Kfm. André Perko ist Gründer und Geschäftsführer der FINANCEDOOR GmbH in Frankfurt am Main. Als unabhängiger Honorar-Finanzanlagenberater und zertifizierter Ruhestandsplaner beschäftigt er sich mit der ganzheitlichen Finanz- und Ruhestandsplanung. André Perko ist Mitglied im Bundesverband Finanz-Planer e. V.

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André Perko
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